Vom Universum geghosted

Eine ungewöhnliche Mischung aus Mystery, Abenteuer und schwarzem Humor: Als Daniel eines Morgens aufwacht, sind plötzlich alle Menschen verschwunden. Ohne Strom, Internet oder jede Spur menschlichen Lebens bleibt ihm nur sein schwarzer Van und die Frage, was mit der Welt geschehen ist. Auf seiner Reise durch verlassene Städte, leere Straßen und eine verstörend stille Realität sucht er nach Antworten – und stößt dabei auf rätselhafte Phänomene, die seine Wahrnehmung immer wieder infrage stellen. Doch je länger die Einsamkeit andauert, desto mehr wird die Suche nach anderen Überlebenden auch zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Spannend, nachdenklich und immer wieder überraschend humorvoll erzählt dieser Roman von Isolation, Hoffnung und der Frage, was vom Menschen übrigbleibt, wenn plötzlich niemand mehr da ist.



ISBN: 978-3-912891-01-0

Leseprobe



Der Router ist tot. Das ist das Erste, was mir an diesem Morgen auffällt.

Ich wache kurz nach acht auf, ohne Wecker, wie immer. Nichts wirkt besonders. Kein seltsames Gefühl, keine diffuse Unruhe, kein unterschwelliges Alarmsignal, wie man es in Filmen oder True-Crime-Sendungen hinterher immer in Aussagen hineininterpretiert. Ich liege einfach da, blinzle an die Decke und greife automatisch nach meinem iPhone auf dem Nachttisch. Nachrichten-App öffnen, kurz prüfen, ob jemand geschrieben hat, danach die Mails überfliegen und alles löschen, was mir erzählen will, dass genau heute meine letzte Chance auf irgendeinen absurden Rabatt besteht.

Heute lädt nichts.

Die Nachrichten-App bleibt leer und reglos, die Mail-App hängt fest, als hätte sie beschlossen, ihren Betrieb kommentarlos einzustellen. Kein Aktualisieren, kein kleines Kreisen, kein unauffälliges digitales Lebenszeichen. Nur dieser unbewegte Bildschirm, der so überzeugend nichts tut, dass ich ihn einen Moment ansehe, als müsste ich mich erst erinnern, wie ein Smartphone normalerweise funktioniert.

Ich lege das Handy weg, stehe auf und merke sofort, dass noch etwas nicht stimmt. Die Fußbodenheizung bleibt unter meinen Füßen kalt. Dieses Fehlen fällt sofort auf, weil Wärme zu diesen Dingen gehört, die man erst bemerkt, wenn sie plötzlich weg ist.

Ich trotte in die Küche, stecke eine Kapsel in die Tassimo, fülle Wasser nach und drücke den Einschaltknopf. Nichts. Kein Klicken, kein Summen, kein kurzes mechanisches Räuspern, mit dem die Maschine sonst signalisiert, dass sie widerwillig bereit ist, ihren Beitrag zur Zivilisation zu leisten. Ich stehe davor und sehe sie an mit diesem müden Unverständnis, mit dem man auch eine automatische Schiebetür betrachtet, die einfach beschließt, heute nicht mehr Teil des Systems zu sein und jede Mitarbeit verweigert.

Dann gehe ich zum Router, ziehe den Stecker, zähle bis fünfzehn und stecke ihn wieder ein. Ein Resetten hilft normalerweise immer, um das Internet wieder zum Laufen zu bekommen. Normalerweise beginnt sofort dieses kleine grüne Lichterballett, das einem wortlos versichert, dass die Welt noch nach Plan funktioniert. Diesmal bleibt alles schwarz. Ich überprüfe die Verteilersteckdose. Auch ihre kleine Kontrollleuchte bleibt dunkel. Das ist der Moment, in dem aus einer nervigen technischen Störung etwas wird, das zumindest organisatorisch interessant ist.

„Okay. Weird“, murmele ich und drehe mich vom Router weg.

Ich probiere noch den Fernseher. Vielleicht gibt es Nachrichten, irgendeine Erklärung. Das Gerät schaltet sich ein – und sofort erscheint die Meldung, dass Samsung seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen geändert hat und meine Zustimmung benötigt. Samsung droppt offenbar im Dreitagesrhythmus neue AGBs und lebt in dem Glauben, dass irgendwer das liest. Ich klicke die Meldung weg – bockig, ohne zu akzeptieren – und wechsle durch die Sender. Schnee. Auf allen Kanälen nur flimmernder Schnee. Ich schalte den Fernseher wieder aus.

Kein Strom, kein Router, kein Kaffee, kein Fernsehprogramm. Der Morgen ist offiziell cursed. Also die Sicherung. Ich öffne den Sicherungskasten im Hausflur. Alles sieht normal aus, keine Sicherung draußen. Seltsam. Noch seltsamer: Die automatische Lampe im Flur bleibt aus. Wie weit reicht der Stromausfall?

Dann gehe ich zurück zur Terrassentür und hinein in das Haus.

Ein Esszimmer, das in ein Wohnzimmer übergeht. Rechts eine offene Küche — aufgeräumt, sauber, so normal, dass es fast schmerzt. Auf dem Wohnzimmertisch steht eine dreiviertel volle Flasche Kornbrand. Keine Gläser daneben. Und in der Ecke, das hatte ich schon durch das Fenster geahnt, steht ein kleiner Ofen.

Ich bewege mich langsam auf die Couch zu, die mit dem Rücken zu mir steht. Mein Herz schlägt schneller als es sollte. Die Couch ist leer. Ich lasse die Luft aus den Lungen. Der Kornbrand kommt mir gelegen, ich halte es für eine gute Idee, einen kleinen Schluck zu trinken. Meinen Geruchssinn betäubt das jedoch leider nicht.

Dann die Tür rechts, sie führt in einen kleinen Flur.

Ich öffne sie, und der Gestank verdoppelt sich sofort. Ich stehe still und lasse ihn kommen. Er ist stärker als im Wohnzimmer — viel stärker. Ich bin näher an der Quelle.

Der Flur ist schmal. An der Wand steht ein Kleiderständer.

Ich sehe die Jacken zuerst, bevor ich wirklich verstehe, was ich sehe. Kleine Jacken. Kinderjacken — eine in leuchtendem Gelb, eine in Dunkelblau mit einem Aufnäher, ein gestickter oranger Stern. Auf dem Boden darunter Schuhe in kleinen Größen. Turnschuhe, Gummistiefel.

Ich halte inne.

Von irgendwo oben kommt das Surren. Leise noch, aber da — ein konstantes, tiefes Summen, das ich zuerst nicht einordnen kann und dann einordne und den Gedanken sofort wieder wegdränge.

Eine Holztreppe führt nach oben.

Ich lege die Hand auf das Geländer. Das Holz ist glatt und kalt. Ich stehe dort und schaue nach oben, in den dunklen Flur des ersten Stocks, und in mir ist etwas, das nicht will. Das sagt: dreh um, geh zurück in den Van, fahr weiter, du musst das nicht wissen.

Aber ich weiß, dass ich hinaufgehen werde.

Ich steige die erste Stufe. Die zweite. Das Summen wird lauter mit jeder Stufe, und ich weiß es jetzt — Fliegen, viele Fliegen, ein ganzes Volk davon, eingeschlossen in einem Raum, der warm genug ist für sie und zu warm für alles, was dort drin liegt. Auf der fünften Stufe überkommt mich der Würgreflex, und ich kämpfe dagegen an und verliere.

Ich drehe mich zur Seite und übergebe mich über das Geländer.

Dann wische ich mir mit dem Handtuch den Mund ab, falte es um, presse es wieder an Mund und Nase. Ich denke kurz daran, was Geruch ist — dass es Moleküle sind, echte Partikel, die ich einatme, und dass diese Partikel von dem kommen, was da oben liegt. Ich höre auf zu denken und gehe weiter.

Oben. Ein kurzer Flur mit Teppichboden. An den Wänden hängen Bilder, ich schaue nur halb hin.

Die erste Tür rechts steht einen Spalt offen. An ihr hängt ein Schild mit bunten Buchstaben, handgemacht, Kinderschrift vielleicht oder die Schrift eines Elternteils, das für ein Kind schreibt: Annika.

Ich stehe vor der Tür und strecke den Fuß aus. Stoße sie auf.