Das Märchen vom gerechten Krieg

Ein eindringlicher Roman über die psychologischen Abgründe des Russland-Ukraine-Krieges: Statt den Konflikt durch die Linse von Militärstrategien, Statistiken oder geopolitischen Analysen zu betrachten, richtet dieses Buch den Blick auf die Menschen, die in seinem Schatten leben, leiden und zerbrechen. Es zeichnet das beklemmende Bild eines Krieges, der aus Machtstreben, Angst und Kontrollbedürfnis erwächst und sich zu einer Gewaltspirale entwickelt, die ganze Lebenswelten zerstört. Mit literarischer Präzision und ohne propagandistische Vereinfachungen untersucht die Erzählung die Mechanismen von Herrschaft, Ohnmacht und menschlicher Verletzlichkeit. Das Ergebnis ist ein dichtes, bewegendes Werk der Gegenwartsliteratur, das die großen politischen Ereignisse auf ihre menschliche Essenz zurückführt und lange nach der letzten Seite nachwirkt.



ISBN: 978-3-912891-10-2

Leseprobe



Tatjana hatte gelernt, auf die kleinen grünen Punkte zu achten. „Zuletzt online vor 2 Minuten.“ Oder vor 18 Minuten. Vor einer Stunde. Solange dort überhaupt noch irgendeine Zeit stand, war alles gut.

Ihr Sohn antwortete oft tagelang nicht. Anfangs hatte sie deswegen geweint. Inzwischen wusste sie, dass Schweigen nicht automatisch bedeutete, dass etwas passiert war. Manchmal gab es keinen Empfang. Manchmal keine Zeit. Manchmal, hatte er ihr einmal erklärt, dürften sie ihre Handys stundenlang gar nicht einschalten, damit keine Positionen geortet werden konnten.

Trotzdem begann Tatjana jedes Mal zu zittern, wenn Telegram nur noch „zuletzt online vor langer Zeit“ anzeigte.

Sie hatte sich angewöhnt, nachts wach zu bleiben. Ihr Sohn meldete sich meist irgendwann zwischen zwei und vier Uhr morgens. Kurze Nachrichten. „Alles okay.“ Oder nur ein Daumen hoch. Einmal hatte er einfach ein Foto von einer Katze geschickt, die zwischen Munitionskisten saß. Tatjana hatte das Bild minutenlang angestarrt und geweint, ohne genau sagen zu können warum.

Früher hatte sie Nachrichten über den Krieg im Fernsehen verfolgt. Karten, Pfeile, zerstörte Fahrzeuge des Feindes, Erfolgsmeldungen. Inzwischen interessierten sie sie kaum noch. Der Krieg bestand für sie nur noch aus Onlinepunkten, Zeitstempeln und dem kurzen Geräusch eingehender Nachrichten. Solange irgendwo noch „zuletzt online“ stand, konnte sie atmen.

Vor drei Wochen hatte ihr Sohn plötzlich angerufen. Die Verbindung war schlecht gewesen, ständig knisterte und knackte es. Trotzdem hatte sie sofort gehört, dass etwas nicht stimmte. Er sprach zu schnell. Zu laut. Fast hektisch fröhlich. Männer redeten manchmal so, dachte sie, wenn sie Angst hatten und nicht wollten, dass andere es bemerkten.

Mitten im Gespräch hörte sie im Hintergrund dumpfe Einschläge. Ihr Sohn schwieg plötzlich einige Sekunden. Dann sagte er nur: „Mama, ich muss auflegen.“

Seitdem hatte er sich nicht mehr gemeldet.

Tatjana saß jeden Abend mit dem Handy in der Hand auf dem Sofa und starrte auf den Bildschirm. Manchmal öffnete sie alte Sprachnachrichten und hörte sie immer wieder an. Nicht einmal auf den Inhalt achtete sie dabei. Es reichte, seine Stimme zu hören. Dieses müde, leicht heisere Sprechen.

Gestern Nacht vibrierte ihr Handy plötzlich um kurz nach drei. Tatjana erschrak so sehr, dass sie es beinahe fallen ließ.

Die Nachricht bestand nur aus zwei Wörtern.

„Noch lebendig.“

Olek zog die Strümpfe etwas höher, als könne das gegen die Kälte helfen. Heute war es ruhig an seinem Frontabschnitt. Keine Angriffe mussten durchgeführt, keine abgewehrt werden. Der Feind hatte sich tief eingegraben und seine Stellungen mit Drohnen abgesichert. Eine Pattsituation. Der Befehl würde kommen, unwiderruflich und so sicher wie kaum etwas anderes. Irgendwann würde der Kommandeur ihnen befehlen, die feindlichen Linien zu überrennen. Natürlich. Man führte keinen Krieg, indem man sich eingrub und darauf wartete, dass dem Gegner irgendwann langweilig wurde.

Olek dachte an zuhause. Seine beiden Jungs waren mächtig stolz gewesen, dass Papa in den Krieg zog. Er solle ihnen unbedingt alles erzählen und ein Geschenk mitbringen.

Ob er ihnen erzählen sollte, dass in seiner ersten Woche, auf dem Marsch zur Front, plötzlich eine Drohne direkt auf ihn zugeflogen war? Dass er nur überlebt hatte, weil sie nicht ihn, sondern einen Truppentransporter einige Meter hinter ihm anvisiert hatte? Dass er sich vor Angst eingeschissen hatte? Oder über die Schreie der Kameraden, die nicht sofort getötet wurden?

Oder von seinem ersten bestätigten Abschuss eines feindlichen Soldaten? Wie der Mann ihn angesehen hatte. Nicht erschrocken, nicht einmal feindselig, sondern einfach nur erstaunt. Als wäre es völlig absurd, in einem Krieg plötzlich einem Gewehrlauf gegenüberzustehen. Olek hatte abgedrückt. Eher reflexartig. Unbewusst.

Davon könnte er seinen Jungs erzählen. Aber vielleicht besser nicht davon, dass er danach minutenlang regungslos dagestanden und auf die Leiche gestarrt hatte. Dass seine Kameraden ihm am Abend zum Abschuss gratulierten, ohne zu bemerken, wie stark seine Hände zitterten. Dass er seitdem Albträume hatte, oft schweißgebadet erwachte und den Mann noch immer vor sich sah. Dieses erstaunte Gesicht. Fast so, als hätte er einen lange vergessenen Schulfreund wiedergesehen. Dieses verdammte erstaunte Gesicht.

Nein. Davon sollte er seinen Jungs nichts erzählen. Oder vielleicht gerade davon.