Tatjana hatte gelernt, auf die kleinen grünen Punkte zu achten. „Zuletzt online vor 2 Minuten.“ Oder vor 18 Minuten. Vor einer Stunde. Solange dort überhaupt noch irgendeine Zeit stand, war alles gut.
Ihr Sohn antwortete oft tagelang nicht. Anfangs hatte sie deswegen geweint. Inzwischen wusste sie, dass Schweigen nicht automatisch bedeutete, dass etwas passiert war. Manchmal gab es keinen Empfang. Manchmal keine Zeit. Manchmal, hatte er ihr einmal erklärt, dürften sie ihre Handys stundenlang gar nicht einschalten, damit keine Positionen geortet werden konnten.
Trotzdem begann Tatjana jedes Mal zu zittern, wenn Telegram nur noch „zuletzt online vor langer Zeit“ anzeigte.
Sie hatte sich angewöhnt, nachts wach zu bleiben. Ihr Sohn meldete sich meist irgendwann zwischen zwei und vier Uhr morgens. Kurze Nachrichten. „Alles okay.“ Oder nur ein Daumen hoch. Einmal hatte er einfach ein Foto von einer Katze geschickt, die zwischen Munitionskisten saß. Tatjana hatte das Bild minutenlang angestarrt und geweint, ohne genau sagen zu können warum.
Früher hatte sie Nachrichten über den Krieg im Fernsehen verfolgt. Karten, Pfeile, zerstörte Fahrzeuge des Feindes, Erfolgsmeldungen. Inzwischen interessierten sie sie kaum noch. Der Krieg bestand für sie nur noch aus Onlinepunkten, Zeitstempeln und dem kurzen Geräusch eingehender Nachrichten. Solange irgendwo noch „zuletzt online“ stand, konnte sie atmen.
Vor drei Wochen hatte ihr Sohn plötzlich angerufen. Die Verbindung war schlecht gewesen, ständig knisterte und knackte es. Trotzdem hatte sie sofort gehört, dass etwas nicht stimmte. Er sprach zu schnell. Zu laut. Fast hektisch fröhlich. Männer redeten manchmal so, dachte sie, wenn sie Angst hatten und nicht wollten, dass andere es bemerkten.
Mitten im Gespräch hörte sie im Hintergrund dumpfe Einschläge. Ihr Sohn schwieg plötzlich einige Sekunden. Dann sagte er nur: „Mama, ich muss auflegen.“
Seitdem hatte er sich nicht mehr gemeldet.
Tatjana saß jeden Abend mit dem Handy in der Hand auf dem Sofa und starrte auf den Bildschirm. Manchmal öffnete sie alte Sprachnachrichten und hörte sie immer wieder an. Nicht einmal auf den Inhalt achtete sie dabei. Es reichte, seine Stimme zu hören. Dieses müde, leicht heisere Sprechen.
Gestern Nacht vibrierte ihr Handy plötzlich um kurz nach drei. Tatjana erschrak so sehr, dass sie es beinahe fallen ließ.
Die Nachricht bestand nur aus zwei Wörtern.
„Noch lebendig.“