Das Wesen aus Rauch und seine beiden allmächtigen Freunde – das eine aus flüssigem Licht und mystischer Dunkelheit, das andere aus kristallklarem Wasser – hatten sich mal wieder in ihrer liebsten Beschäftigung verloren: dem kosmischen Basteln. Während normale Wesen vielleicht Karten spielten oder Rätsel lösten, fiel ihre Version von Freizeitbeschäftigung ein wenig… größer aus. Galaxien neu anordnen, Sternhaufen umgestalten, schwarze Löcher wie Murmeln durch die Leere schubsen – eben die üblichen Dinge, wenn man allmächtig ist.
An diesem Tag jedoch hatten sie eine besonders originelle Idee: „Lass uns ein neues Sonnensystem entwerfen!“ rief das Wesen aus Wasser begeistert. Das Wesen aus Licht, bekannt für seine ausgefallenen Designs, wollte natürlich, dass die Planeten in einer perfekten spiralförmigen Choreografie umeinander tanzten, während das Wesen aus Wasser darauf bestand, dass sie stattdessen in unregelmäßigen Mustern leuchteten, um die „Schönheit des Chaos“ einzufangen.
Das Wesen aus Rauch hingegen hatte eine ganz andere Vorstellung. „Warum nicht einfach die Milchstraße verknoten und sehen, was passiert?“ schlug es vor, während sein Nebel in einem frechen Türkis wirbelte. Das Universum war schließlich ihr Privatspielplatz – warum also nicht etwas spektakuläres wagen?
Die beiden anderen fanden die Idee… nun ja, sagen wir, unorthodox. „Du kannst doch nicht einfach das halbe Universum verknoten, nur um zu sehen, was passiert!“ meinte das Wesen aus Licht, während das aus Wasser hinzufügte: „Wir haben doch gerade erst die Sternenkonstellationen sortiert! Das wäre ja, als würde man ein Puzzle fertigstellen und dann wieder in die Schachtel werfen!“
Das Wesen aus Rauch, überzeugt von seiner kreativen Vision, ließ sich nicht beirren. „Ach, ihr seid einfach nicht cool genug. Ein bisschen Chaos hat noch keinem Kosmos geschadet!“ Sein Nebel blitzte in einem leuchtenden Violett, als es mit einem kleinen, charmanten Fingerschnips (bildlich gesprochen natürlich – Finger hatte es keine) begann, die Milchstraße spielerisch ein wenig rotieren zu lassen. Was dann folgte, war weniger ein Streit und mehr eine… kreative Meinungsverschiedenheit mit freundschaftlichen Konsequenzen. Die beiden anderen waren sich schnell einig: Das Wesen aus Rauch brauchte mal eine kleine Auszeit, um über gewisse unkonventionelle Methoden nachzudenken. Natürlich nicht als Bestrafung – eher als pädagogische Maßnahme.
„Nur vorübergehend,“ versicherten sie ihr mit einem Augenzwinkern, bevor sie, mit einem Hauch von kosmischem Humor, eine gläserne Flasche erschufen – ein äußerst stilvolles Behältnis, versteht sich – und es hineinschickten. „Betrachte es als… künstlerische Schaffenspause,“ sagte das Wesen aus Wasser mit einem verschmitzten Lächeln. „Und wer weiß? Vielleicht findest du da draußen jemand Interessantes, der dich befreit.“ Allerdings gab es eine kleine, aber nicht unbedeutende Bedingung: Die Flasche war kein gewöhnliches Gefäß, das sich von jeder neugierigen Hand öffnen ließ. Nur ein Wesen von wahrhaft gütigem Herzen – jemand, der selbstlos, warmherzig und ohne Hintergedanken handelte – war in der Lage, den Verschluss zu lösen und das Wesen aus Rauch zu befreien. Erst dann durfte es die Enge seines funkelnden Gefängnisses hinter sich lassen, in die Freiheit entweichen und seinen unverwechselbaren, schillernden Rauch in die Welt hinausströmen lassen. Doch mit der Befreiung kam auch eine Verpflichtung: Es mussten zwei Wünsche erfüllt werden – nicht mehr und nicht weniger. Und wenn diese Aufgabe vollbracht war, wenn die Wünsche gesprochen und in die Wirklichkeit gewebt waren, dann – und erst dann – sollte dem Wesen aus Rauch die Rückkehr zu seinen Freundinnen gestattet sein. Eine Heimkehr in jene Weiten, in denen Sterne tanzten, Galaxien flüsterten und alte Freunde bereits mit einem amüsierten Funkeln in den Augen auf sie warten werden. Das Wesen aus Rauch, das zunächst noch dachte, das Ganze sei ein Scherz, fand sich schneller als erwartet in den Tiefen eines irdischen Ozeans wieder. Sich für Ihre pädagogische Maßnahme extra einen klitzekleinen Planeten in einem völlig unbedeutenden Teil des Universums zu wählen, machte die ganze Sache noch lustiger, wie ihre Freundinnen fanden. Sie hatten das Wesen aus Rauch nicht bestraft, sondern ihr eine neue Perspektive geschenkt. Allerdings… nach ein paar Jahrhunderten in dieser Flasche hatte es genug von Perspektiven.
„Gut, ihr habt gewonnen,“ dachte es oft, während es durch die Meere trieb. „Ich habe über meine Methoden nachgedacht – und ich denke, sie waren fantastisch. Jetzt holt mich hier raus.“
Aber die beiden blieben aus. Offenbar lag es nun tatsächlich an irgendeinem nichtsahnenden Erdenbewohner, diese kosmische Pause zu beenden. Und bis dahin blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig zu warten. Sie trieb über das endlose Blau, gefangen in ihrem gläsernen Kokon, der gerade mal wieder in einem besonders langweiligen Abschnitt des Ozeans herum schaukelte – langweilig genug, um sogar einer Alge das Gähnen beizubringen. Das stetige Hin und Her der Wellen hatte längst den Charme eines kaputten Metronoms angenommen, und der Anblick der immer gleichen, glubschäugigen Standard-Fische ließ ihren Rauch in einem genervten Grauton aufwallen. Ach, guck mal, schon wieder du, dachte sie, als ein Fisch mit dem üblichen Ausdruck existenzieller Verwirrung an ihr vorbeischwamm. Ab und zu huschten mal Delfine vorbei, die so albern grinsten, als hätten sie gerade den besten Witz des Ozeans gehört. Wahrscheinlich irgendein Delfin-Insider, murmelte sie, während ihr Nebel in einem sarkastischen Violett aufleuchtete. Oder ein Wal zog majestätisch vorbei und blies Wasserfontänen in die Luft, ganz nach dem Motto: Schaut her, ich bin frei und kann blubbern, soviel ich will! Sie rollte mit den Augen – eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass sie eigentlich nur aus schimmerndem Rauch bestand und gar keine Augen hat. Und dann diese Schildkröten – langsam, stoisch, als hätten sie alle Zeit der Welt. Natürlich habt ihr die, dachte sie düster. Schaut mich erst mal an – ich bin seit Jahrhunderten in einer Flasche eingepökelt. Ich habe superviel Zeit… plus ein paar extra Äonen!
Ja, seit Jahrhunderten dümpelte sie nun so vor sich hin. Jahrhunderte! Dabei hätte sie viel lieber ein paar Galaxien neu angeordnet. Oh, da ist schon wieder die Milchstraße, grinste sie innerlich, während ihr Rauch einen silbrigen Schimmer annahm. Vielleicht hänge ich sie mal neben Andromeda, nur um zu sehen, wie chic das wäre. Aber nein, stattdessen durfte sie jeden Tag denselben Makrelen-Gesichtern dabei zuschauen, wie sie mit der Anmut von Seifenblasen an ihrer Flasche vorbeiflitzten. Ganz großes Kino hier unten. Der Gedanke daran, wieder mit ihren allmächtigen, omnipotenten Freunden im All abzuhängen und zu basteln, war das Einzige, was sie bei Laune hielt. Sie stellte sich vor, wie sie zusammen schwarze Löcher als Frisbee benutzen würden. Oh, wie sie lachen werden, dachte sie, wenn ich ihnen von meiner „interessanten Wohnsituation“ erzähle. Ihr Rauch flackerte vor lauter Ironie kurz in einem leuchtenden Grün auf.
Was für ein glorreiches Schicksal für ein allmächtiges Wesen, dachte sie trocken, während ihr Blick einem besonders dümmlich dreinblickenden Kugelfisch folgte, der in gemächlicher Unbekümmertheit unter ihrer Flasche vorüberschwamm. Er schien nicht einmal die Höflichkeit zu besitzen, sie mit einem anerkennenden Blubbern zu grüßen – eine Dreistigkeit sondergleichen. Na schön, ein lebloses Glasgefängnis das auf den Wellen der Meere schwamm war nicht gerade der Ort, an dem man Respekt einflößte. Aber ein bisschen Anstand konnte man ja wohl erwarten! Ihre Gedanken wirbelten missmutig in ihrer gläsernen Unterkunft umher, bis ihr Blick auf eine köstliche kleine Szene fiel: Der Kugelfisch, dessen gedankenverlorene Miene bereits Bände sprach, blieb mit seinen Stacheln an einem hartnäckigen Stück Seetang hängen.
Na, wenigstens hast du’s auch nicht leicht da draußen, murmelte sie mit einer sehr kleinen, aber nicht gänzlich zu leugnenden Spur von Gehässigkeit. Ihr Rauch kräuselte sich amüsiert, bildete zwei schwungvolle, rauchige Linien – das ätherische Äquivalent eines Augenrollens.