Wenn man nachts durch die einsamen, pechschwarzen White Mountains von New Hampshire fährt, stellt man sich als durchschnittlicher Autofahrer auf die üblichen Unannehmlichkeiten ein: ein plötzlicher Wildwechsel, ein schleichender Plattfuss oder das qualvolle Einschlafen der Beine. Barney Hill, ein ansonsten unerschütterlich rationaler Postangestellter, und seine Ehefrau Betty, eine engagierte Sozialarbeiterin, hatten im September 1961 allerdings ein ganz anderes Problem auf der Rückbank ihres Chevrolet Bel Air sitzen: die gähnende Leere von zwei Stunden Lebenszeit, die einfach so aus ihrem Gedächtnis radiert worden waren.
Die Hills waren eigentlich das absolute Vorzeigepaar der damaligen Bürgerrechtsbewegung – bodenständig, intelligent, psychisch stabil und denkbar ungeeignet für das Prädikat „Spinner“. Doch als sie nach einer Urlaubsreise an den Niagarafällen mitten in der Nacht nach Hause kamen, war die bürgerliche Idylle gründlich im Eimer. Barney stellte beim Blick in den Spiegel fest, dass seine Schuhe an den Kappen seltsam zugerichtet waren, als hätte man ihn über den Asphalt geschleift. Noch bizarrer war eine kreisrunde Anordnung von frischen Warzen an seinem Intimbereich. Betty wiederum blickte auf ihr Lieblingskleid, das am Saum großflächig zerrissen und mit einem merkwürdigen, rosafarbenen Pulver bedeckt war. Was immer auf der Route 3 passiert war – es hatte bleibende Spuren hinterlassen.
Da das menschliche Gedächtnis nun mal kein steriles Aufnahmegerät ist, sondern im Zustand nackter Panik die Jalousien herunterzieht, blieb die Erinnerung zunächst verschlossen. Erst als die Albträume Betty jede Nacht aus dem Schlaf rissen, suchte das Paar den geschätzten Bostoner Psychiater und Hypnotiseur Dr. Benjamin Simon auf. Er sollte die verloren gegangenen zwei Stunden aus den Tiefen des Unterbewusstseins kratzen. Dr. Simon ging davon aus, er würde ein klassisches Kriegstrauma oder eine tiefsitzende Ehekrise freilegen. Was er stattdessen auf seinen Tonbändern aufnahm, war das Fundament einer völlig neuen Popkultur.
In den darauffolgenden Monaten schrie Betty unter Hypnose die Praxis zusammen. Sie erinnerte sich an eine Straßensperre mitten im Wald, an einen gleißenden Lichtkreis und an Gestalten, die den Wagen umzingelten. Der „Anführer“ der Truppe, ein schlankes Wesen mit einer Hautfarbe wie modriger Ton, habe sie auf eine Untersuchungsliege gelegt. Intergalaktische Reisen erfordern offenbar ein extrem antiquiertes medizinisches Protokoll. Die Wesen stießen Betty eine lange, glänzende Nadel direkt in den Bauchnabel. Als sie vor Schmerz aufheulte, erklärte ihr der außerirdische Arzt via Telepathie, dass dies ein ganz normaler Schwangerschaftstest sei. Man muss sich das einmal vorstellen: Eine Zivilisation, die die physikalischen Gesetze der Raumzeit aushebelt und interstellare Distanzen spielend überwindet, reist Trillionen von Kilometern, nur um das gynäkologische Niveau eines mittelalterlichen Barbbiers anzuwenden.
Barney wiederum lieferte in seinen Sitzungen das optische Design, das bis heute jede billige Science-Fiction-Dokumentation prägt. Er beschrieb Wesen mit gigantischen, glanzlosen Augen, die sich fast bis zu den Schläfen zogen. Augen, die nicht blinzelten und direkt in seine Seele starrten. Dass Barney exakt zwölf Tage vor dieser spezifischen Hypnosesitzung eine Episode der Fernsehserie The Outer Limits gesehen hatte, in der haargenau solche Kreaturen mit XXL-Augen auftraten, verbuchte die spätere UFO-Gemeinde als kosmische Fügung. Psychologen nennen es schlichtweg Suggestion und kreative Lückenfüllung.
Während Barney auf der Liege fixiert wurde, konzentrierten sich die grauen Forscher besonders auf seine Kehrseite. Es wurde eine Spermaprobe entnommen, und man begutachtete seine Zähne mit einer Mischung aus Faszination und Ekel. Als die Aliens versuchten, Barneys Zähne herauszuziehen, scheiterten sie kläglich – Barneys Gebiss war nämlich eine Teilprothese. Das wiederum stürzte die hochentwickelten Besucher in eine tiefe intellektuelle Krise. Warum hatte die Frau feste Zähne, während der Mann seine Beißwerkzeuge einfach herausnehmen konnte? Das biologische Konzept des Alterns und des Zahnersatzes schien auf Zeta Reticuli völlig unbekannt zu sein.
Nachdem die Aliens genug von Barneys künstlichen Zähnen hatten, zeichnete der Anführer für Betty eine komplexe Sternenkarte. Betty rekonstruierte diese Karte später aus dem Gedächtnis, und jahrzehntelang bissen sich UFO-Forscher an diesem Punkt die Zähne aus, um die Heimatwelt der Entführer zu lokalisieren. Dr. Simon selbst blieb bis zu seinem Tod pragmatisch: Er war überzeugt, dass Betty die Geschichte im Schlaf erfunden hatte, um den unerträglichen Stress einer nächtlichen Fehlwahrnehmung zu verarbeiten, und dass der sichtlich gestresste Barney die Erzählung seiner dominanten Ehefrau in einer Art psychologischem Paartanz einfach übernommen hatte.
Das Ehepaar verbrachte den Rest seines Lebens im Scheinwerferlicht des paranormalen Ruhms. Betty mutierte zur unermüdlichen UFO-Jägerin, die jeden vorbeifliegenden Hubschrauber und jede Straßenlaterne im Nebel für ein baldiges Treffen mit ihren grauen Freunden hielt. Barney starb bereits 1969 an einer Hirnblutung – möglicherweise, weil der Druck, als erster offizieller Alien-Abducee der Weltgeschichte zu gelten, selbst für den robustesten Postbeamten eine Nummer zu groß war. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die erste dokumentierte Alien-Entführung der Geschichte vor allem eines war: eine verdammt schlechte Nacht für ein Ehepaar und eine verdammt gute Vorlage für Hollywood.