Die Straßen Pekings wirken wie ausgestorben. Es ist November, und kalter Nebel hängt zwischen den Gebäuden, mischt sich mit dem Smog, der hier längst alltäglich geworden ist. Es ist bereits weit nach Mitternacht, als am Busbahnhof Yongdingmen ein einsamer Bus mit laufendem Motor wartet. Buslinie 375, Ziel Xiangshan – die Fragrant Hills am Stadtrand, die zu dieser Stunde verlassen daliegen und eher etwas Unheimliches ausstrahlen als etwas Duftendes.
Ein alter Mann steigt in den Bus und setzt sich mit einem Seufzen auf einen der leeren Sitze nahe der Tür. Kurz darauf folgt eine junge Frau, die nervös auf ihr Handy blickt und kaum bemerkt, dass sie im Vorbeigehen einen Kontrolleur streift, dessen müde Augen sie gleichgültig mustern. Der Fahrer sagt kein Wort, starrt nur gelangweilt auf die nebelverhangene Straße vor sich und wartet scheinbar darauf, dass endlich jemand ein Zeichen zum Losfahren gibt.
Als zwei weitere Fahrgäste den Bus betreten, ändert sich plötzlich die Stimmung im Inneren. Die Neuankömmlinge – ein Mann und eine Frau – bewegen sich seltsam mechanisch, fast puppenhaft. Ihre Gesichter wirken unnatürlich blass, ihre Kleidung staubig und alt, als hätten sie Jahrzehnte irgendwo gewartet, nur um heute in diesen Bus zu steigen. Ohne ein Wort setzen sie sich weit hinten hin, und ihre leeren, glasigen Augen scheinen auf nichts und niemanden zu blicken.
Der Bus rollt langsam los und gleitet in die Nacht hinaus, begleitet vom monotonen Summen seines Motors. Anfangs bemerkt niemand etwas Außergewöhnliches, bis die Temperatur plötzlich deutlich absinkt. Eiskalte Luft erfüllt das Fahrzeug, sodass der Atem der Passagiere sichtbar wird. Die junge Frau zieht ihren Mantel enger um sich, blickt nervös zu den beiden merkwürdigen Fahrgästen hinüber – und erstarrt. Ihr Blick fällt auf deren Füße, die einige Zentimeter über dem Boden schweben. Sie greift nach ihrem Handy, doch es ist längst ausgeschaltet, als ob der Akku in Sekunden entladen wäre.
Die alte Frau beobachtet die Szene aufmerksam. Sie hat in ihrem Leben genug Geschichten gehört, um genau zu wissen, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Sie lehnt sich hinüber zur jungen Frau, packt diese plötzlich am Ärmel und flüstert eindringlich: „Steigen wir sofort aus. Jetzt!“
Die junge Frau zögert verständlicherweise. „Hier draußen, mitten im Nirgendwo?“, fragt sie erschrocken.
„Vertrau mir“, zischt die Alte, während ihr Blick eindringlich zu den bleichen Gestalten hinten im Bus huscht. Ohne weitere Erklärung erhebt sie lautstark die Stimme, beschimpft die junge Frau als unhöflich und drängt auf eine sofortige Entschuldigung, sodass der Fahrer mürrisch anhält und die beiden Frauen mitten in der Dunkelheit aussteigen lässt. Der alte Mann blickt ihnen kurz hinterher, bleibt jedoch sitzen. Die Türen schließen sich, der Bus fährt weiter und verschwindet bald darauf im dichten Nebel.
Die beiden Frauen stehen nun allein auf einer einsamen Straße, mitten im Nirgendwo zwischen Nebel und Dunkelheit. „Was sollte das?“, fragt die junge Frau entsetzt. Doch die ältere erwidert mit bebender Stimme: „Ich habe dir gerade das Leben gerettet. Hast du nicht gesehen, dass ihre Füße schwebten? Dieser Bus ist nicht mehr von unserer Welt.“
Am nächsten Morgen überschlagen sich die Nachrichten: Der Bus der Linie 375 sei spurlos verschwunden, gemeinsam mit allen verbliebenen Insassen – dem schweigenden Fahrer, dem Kontrolleur, dem alten Mann und den beiden seltsamen, blassen Passagieren. Drei Tage später berichten Gerüchte, dass der vermisste Bus gefunden worden sei: in einem verlassenen Stausee außerhalb von Peking, vollkommen leer. Andere Versionen erzählen dramatischere Szenarien – man spricht von skelettierten Leichen auf den Sitzen, von einem Bus mit vollem Tank, obwohl er schon längst hätte leer sein müssen, oder gar von einem Fahrzeug, dessen Motor nicht mit Diesel, sondern mit Blut betrieben worden sei.
Natürlich klingt einiges davon zu fantastisch, um wahr zu sein. Doch gerade diese Mischung aus alltäglicher Realität und geisterhaften Elementen hat die Legende der Buslinie 375 zu einer der populärsten Geistergeschichten Chinas gemacht. Immer wieder kursierten angebliche Augenzeugenberichte, mysteriöse Zeitungsausschnitte und sogar vermeintliche Polizeimeldungen, die der Legende einen beunruhigenden Anstrich von Glaubwürdigkeit verliehen.
So sehr glaubten manche Menschen daran, dass Touristen und selbst Einheimische anfingen, die Mitternachtsfahrten auf dieser Linie zu meiden. Dabei fährt die Linie 375 in Peking tatsächlich und völlig unauffällig ihre gewöhnliche Route ab – zumindest offiziell.
Doch warum hält sich diese Legende so hartnäckig? Vielleicht, weil sie geschickt Ängste einfängt, die viele Stadtbewohner tief im Inneren mit sich tragen: die Angst davor, eines Tages auf der Heimfahrt falsch abzubiegen, an einem Ort anzukommen, der fremd und bedrohlich wirkt, oder Mitreisende zu haben, die irgendwie seltsam erscheinen, ohne genau erklären zu können, warum. Vielleicht handelt es sich hierbei auch um eine subtile Kritik an der Anonymität und Entfremdung der modernen Großstadtgesellschaft, in der selbst das Alltägliche zur Gefahr werden kann, wenn man nicht vorsichtig ist.
Obwohl die Linie 375 nach wie vor unbehelligt durch Pekings Straßen fährt, reicht der Mythos aus, um bei Nachtfahrten ein ungutes Gefühl auszulösen – ein Gefühl, das jeden dazu bringt, genauer auf die Füße seiner Mitreisenden zu achten. Denn wer weiß schon sicher, ob nicht heute Nacht wieder zwei blasse Fahrgäste zusteigen, deren Füße knapp über dem Boden schweben?
Die Geschichte der verfluchten Buslinie 375 ist höchstwahrscheinlich nichts weiter als eine urbane Legende – dennoch hält sich der Mythos beharrlich, da er die allgegenwärtigen Ängste vor dem Unbekannten und Unerklärlichen so treffend widerspiegelt.